Little London auf zwei Rädern – eine Fahrradtour durch Victoria
Victoria nennt sich gern „Little London“. Backsteingebäude, viktorianische Fassaden, dazu morgens ein feiner Schleier aus Nebel über dem Hafen – das Bild passt. Doch Stadtführer und Historiker John Adams winkt ab: Das sei weniger gelebte Realität als vielmehr „eine Marketingidee eines früheren Tourismuschefs aus Kalifornien“. Trotzdem wirkt die Hauptstadt von British Columbia auf den ersten Blick britischer als viele andere Orte an der kanadischen Westküste. Unsere Fahrradtour beginnt dort, wo diese Inszenierung am eindrucksvollsten ist: am berühmten Fairmont Empress Hotel, direkt am Inner Harbour gelegen.
Start am Fairmont: Hafenbühne mit Fähren und Wasserflugzeugen
Schon vor dem ersten Tritt in die Pedale ist klar: Der Inner Harbour ist das Herz Victorias. Kleine Hafenfähren pendeln zwischen den Ufern, gelbe Wassertaxis schneiden durch das Wasser, und andauernd landen Wasserflugzeuge, die Victoria mit Vancouver und Seattle verbinden. Das Fairmont Empress und die schräg gegenüberliegenden Parlamentsgebäude von British Columbia bilden dabei eine Art Theaterkulisse. Seit 1868 ist Victoria die Hauptstadt von BC. Und nicht, wie viele denken, das ungleich größere und bekanntere Vancouver. In Victoria prägen das Parlament und die vielen Regierungsgebäude das Stadtbild.
Geschichte zwischen Pelzhandel und Goldrausch
Wer vom Hafen aus losradelt, bewegt sich durch viele Kapitel der bewegten Geschichte der Hauptstadt. Victoria entstand aus einem Handelsposten der Hudson’s Bay Company. Anfangs lebten die britischen Händler und die Songhees First Nations vergleichsweise gut miteinander. Doch der Goldrausch Mitte des 19. Jahrhunderts veränderte alles: Plötzlich strömten Tausende Glückssucher durch die Stadt, Konflikte und Verdrängung nahmen zu – eine Zäsur, die bis heute nachwirkt.
Fisherman’s Wharf: Schwimmende Farben und Fish & Chips
Der erste Zwischenstopp der Tour ist die am Inner Harbour liegende Fisherman’s Wharf. Die bunt gestrichenen schwimmenden Häuser, Seehunde an den Stegen und der Geruch von frittiertem Fisch machen den Ort zu einer der beliebtesten Attraktionen Victorias. Kulinarisch führt kein Weg an Fish & Chips vorbei: Besonders empfehlenswert ist der Klassiker im The Fish Store direkt an der Fishermann‘s Wharf sowie im Red Fish / Blue Fish nahe dem Harbour-Air-Terminal im Hafen, an dem die Wasserflugzeuge abgefertigt werden.
Begegnungen mit Giganten: Whale-Watching vor Victorias Küste
Vom Fahrradsattel aus bleibt der Blick meist auf den Hafen gerichtet – doch viele Besucher zieht es von hier hinaus auf das offene Wasser. Whale-Watching-Touren gehören zu den Highlights in Victoria. Die Boote starten direkt vom Inner Harbour. Die Lage Victorias an der Salish Sea ist ideal, um Meeressäuger in freier Wildbahn zu beobachten. Die Gewässer vor Vancouver Island sind Lebensraum verschiedener Walarten und weiterer Meeresbewohner. Während sich das Boot langsam aus dem Hafenbereich entfernt, bleiben Parlamentsgebäude und Empress Hotel zurück, bevor sich der Blick auf Pazifik, Inseln und Küstenlandschaft öffnet – ein eindrucksvoller Kontrast zur Stadt. Draußen tauchen dann fast immer Orcas, Buckelwale und Seelöwen auf. Ein unvergessliches Erlebnis.
Eine Stadt im Wandel
Die Wal-Touren sind ein Highlight Victorias, das lange Zeit als „City of the newly wed and the nearly dead“ verspottet wurde, wie Stadtführer John erzählt. In den 1960er-Jahren verließen viele junge Menschen die Stadt – Jobs verschwanden durch die Deindustrialisierung. Heute ist das Bild ein anderes: Neben Regierung und Tourismus ist die IT-Branche zu einem starken Arbeitgeber geworden.
Während der Corona-Jahre erlebte Victoria geradezu einen Boom: Menschen, die im Homeoffice arbeiten konnten, zogen in Scharen hierher – mit der Kehrseite weiter steigender Immobilienpreise. Victoria gehört neben Vancouver und Toronto zu den teuersten Pflastern in Kanada. Kein Wunder: Die Stadt ist wunderschön, die Insel traumhaft und das Sport- und Freizeitangebot überwältigend.
Harry und Meghan lebten zeitweise in Victoria
Unter den Neu-Victorianern tauchen auch prominente Namen auf. „So lebten zum Beispiel auch Harry und Meghan eine Zeit lang hier“, verrät Historiker John. „Sie wurden wohl auch von dem angeblich britischen Flair im vermeintlichen Little London angezogen“, sagt John schmunzelnd.
Chinatown: Älteste ihrer Art in Kanada
Weiter geht es mit dem Rad Richtung Chinatown, der ältesten chinesischen Nachbarschaft Kanadas. Sie entstand als erster Anlaufpunkt für chinesische Goldsucher, die aus Kalifornien kamen. Enge Gassen wie die berühmte Fan Tan Alley erzählen von Migration, Hoffnung und harter Arbeit.
Süßes und Düsteres: Rogers’ Chocolates
Unweit von Chinatown liegt in einer der Haupteinkaufsstraßen am Hafen Rogers’ Chocolates, eine Institution in Victoria. Hinter der nostalgischen Fassade verbirgt sich eine düstere Geschichte: Freddy, der Sohn des Firmengründers, soll sich bei einem Experiment die Hand mit Dynamit zerfetzt und später das Leben genommen haben. Der Legende nach erschien sein Geist später in der verspiegelten Fläche über der Küchentür – sichtbar sei die „zerbombte Hand“ gewesen, meint Stadtführer John.
Dallas Road: Pazifikluft und Weite
Die wohl schönste Radstrecke der Tour beginnt an der Dallas Road. Der Radweg verläuft direkt an der Küste entlang, vorbei am Kreuzfahrtterminal. Hier öffnen sich weite Blicke auf das Meer: Paraglider starten direkt vom Weg, Surfer spielen in den Wellen. An der Dallas Road liegt auch der Mile Zero des Trans-Canada Highway, der sich von hier bis zum Atlantik zieht – ein symbolischer Punkt für ganz Kanada.
Entspannung auf dem Wasser: HAVN Spa
Nach einer langen Radtour, die bei steifer Brise auch anstrengend sein kann, lohnt ein Abstecher zum HAVN Spa im Hafen. Auf einem umgebauten Schiff wartet ein Wellness-Center mit mehreren Saunen sowie Whirlpools auf dem Oberdeck. Beim Entspannen gleitet der Blick über Hafen und Stadt – ein moderner Luxus in historischer Umgebung.
Zurück zum Fairmont: Mehr als nur Little London
Am Ende führt die Route zurück zum Fairmont Empress Hotel. Vom Havn Spa im Inner Harbour sind es nur wenige Minuten bis zu dem beeindruckenden Luxushotel. Victoria wirkt nun weniger wie ein Abziehbild Londons, sondern wie das, was es tatsächlich ist: eine eigenständige, vielschichtige Stadt zwischen kolonialem Erbe, indigener Geschichte, Pazifiknatur und modernem Lebensstil. „Little London“ mag als Etikett funktionieren – doch wer Victoria mit dem Fahrrad erkundet, merkt schnell, dass diese Hauptstadt weit mehr zu erzählen hat.
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